Bei Patanjali stellt die Asanapraxis als das dritte Glied des achtfachen Yogaweges dar
in der Gheranda Samhita 32 und in der Hatha Yoga Pradipika 15 detailliert beschrieben.
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Tanja Sailer
Liebe Yogafreunde,
Liebe Yogafreundinnen,
Nun ist es soweit.
In aller Ruhe könnt ihr euch den vielleicht schon bekannten Vortrag noch einmal durchlesen bzw. herunterladen. Bezüglich inhaltlicher Rückfragen ( sowie Inspirationen, Anmerkungen oder Korrekturen eurerseits ) freue ich mich über einen Austausch.
Also dann viel Spaß beim Lesen und Vertiefen eurer Yogakenntnisse....
Liebe Grüße.... Tanja Sailer
Auszüge aus dem Vortrag vom 16.10.2002
gehalten auf dem Breitenspektrum der GGF
von Tanja Sailer
Yoga verdankt seine Popularität im Westen vor allem der Körperarbeit.
Allein in der BRD gibt es zur Zeit ca. 3 Millionen Yogapraktizierende und wir können davon ausgehen, dass sich der Großteil davon vor allem mit den Methoden des Hatha Yoga und hier im engeren Sinne mit der Asanapraxis beschäftigt.
Dies verweist einerseits auf ein großes Interesse und Engagement von Seiten einer breiten Bevölkerungsschicht gerade an den körperbezogenen Methoden.
Andererseits aber auch auf die Gefahr einer Verflachung, die Yoga als "wohlstands-geschützte Freizeitbeschäftigung" auf eine Art indische Heilgymnastik und reine Entspannungsmethode reduziert.
Dieser Vortrag ist dazu gedacht, ein umfassendes Licht auf Sinn und Bedeutung dieser
derzeit so beliebten körperbezogenen Methoden im Allgemeinen und der Asanapraxis im Besondern zu werfen.
Dazu werden wir unseren Blick auf folgende drei Themen richten:
3. Die Dimension der Körperarbeit; sprich die Wirkungsebenen der Asanapraxis
in physiologischer, psychologischer und spiritueller Hinsicht.
1. Die Einbettung der Körperarbeit ins Gesamtkonzept des Yoga
Yoga ist, wie Ihnen bekannt, von seinem Selbstverständnis eine Geisteswissenschaft.
Mit dem traditionellen Basiswerk des Patanjali, den Yogasutren, zählt Yoga zu den sechs großen philosophischen Systemen Indiens, den sechs Darsanas (in Abhebung zu den heterodoxen Systemen, bsw. der Materialisten, Buddhisten oder Jainas).
"Darsana" lässt sich dabei etymologisch von der Sanskritwurzel "drs" ableiten, was soviel wie sehen, schauen, erblicken, bedeutet.
Diese Wurzel verweist auf das Grundkonzept des Yoga, wo es darum geht, mittels verschiedener integrativer Methoden einen Zustand innerer Ruhe und Achtsamkeit zu fördern, der es uns ermöglicht in die Tiefe des Daseins hineinzuschauen.
Sozusagen einen persönlichen, erlebnismäßigen Zugang zum Seinsgrund zu bekommen
Das hört sich bis hierher alles ganz interessant an.
Für Außenstehende drängt sich jedoch sehr schnell die Frage auf, was denn nun eine verschlungene Drehhaltung im Sitzen (ardha matsyendrasana), das Stehen auf einem Bein (Vrksasana) oder gar die Ruheposition in der Rückenlage (Savasana) mit dieser Bemühung um Erkenntnis zu tun haben könnte ?
Dazu ist es sinnvoll, zunächst einen kurzen Blick auf das Grundkonzept des Yoga zu werfen. Etymologisch lässt sich "Yoga" auf die Sanskrit Verbform " yuj" zurückführen, was soviel heißt wie verbinden, vereinen, anjochen. Anjochen hier nicht im Sinne von unterdrücken oder belasten, sondern im Sinne einer integrativen, verbindenden Qualität.
In diesem Zusammenhang wird gerne die berühmte Metapher des Gespanns erwähnt, in welchem Pferde, Wagen, Wagenlenker und Fahrgast mit den verschiedenen Aspekten des Menschen verglichen werden (vgl. Katha Upanisad).
Die Pferde symbolisieren dabei unsere Sinnes- und Tatorgane (Jnanendriyas und Karmen-driyas),der Wagenlenker und manchmal auch die Zügel unsere mentalen Funktionen
(ahamkara, manas und buddhi), der Wagen selbst unseren Körper (deha).
Mittels einer systematisch aufgebauten, ganzheitlichen Praxis bietet Yoga den Suchenden an, all diese Aspekte unseres Daseins, alle Fähigkeiten und Möglichkeiten, die das Leben bietet zu erkennen, auszuschöpfen und miteinander in Einklang zu bringen,sie in ein lebendiges Spannungsgefüge zusammenzufügen, sodass ein Zustand psycho-physischer Stabilität, sowie geistiger Ruhe und Klarheit entsteht.
Diesen Zustand beschreibt Patanjali in Sutra 1,2 als "citta vrtti nirodhah", dem
Zur-Ruhe-Kommen der Denkbewegungen. Hier sind wir bei der Grunddefinition des Yoga angelangt. Und nicht nur das, auch der Kreis zum Erkenntnisstreben schließt sich.
Es ist nämlich diese Atmosphäre innerer Ruhe und Klarheit, die uns laut Yoga-Originaltexten in die Tiefe des Daseins hineinschauen lässt und höchste Erkenntnis möglich macht.
Dabei handelt es sich nicht um empirische Erkenntnis in dem Sinne, dass ich nun beispiels-weise herausfinde, warum mein Auto morgens nicht anspringt oder wie ich Sutra Neti am geschicktesten vermitteln kann, sondern um die Erkenntnis dessen, was in Indien das wahre "Selbst" genannt wird.
In verschiedenen Traditionen begegnet uns dieses Selbst dabei mit unterschiedlichsten
Namensgebungen. So ist in den Upanisaden gerne die Rede von "tat" (einfach nur "das") oder von brahman und atman, in der Samkhya Philosophie von "purusa", in der Bhagavadgita von "ksetrajna (dem Feldkenner) oder "dehinah" (dem Verleiblichten) , und in manchen Texten auch von "sahaja"(das, mit dem man geboren wurde).
Immer handelt es sich dabei um unser ureigenstes Wesen, eine reine, ewige Seiendheit,
von der wir weder räumlich noch zeitlich getrennt sind und die sowohl als immanent wie auch als transzendent beschrieben wird.
Vgl. Siva Samhita 35:
"Wir erkennen das Eine, das der Vielheit zugrunde liegt, gleich der einen Sonne, die sich in 1000 Gewässern spiegelt".
Dieses "Selbst" ist zwar weder vorstellbar, noch kommunizierbar oder sonstwie durch die Sinne erfahrbar, aber dort, wo es still in uns wird können wir laut Yogis und Yoginis dessen in einer persönlichen Erfahrung gewahr werden .
Vgl. Pat.....1,3:
"tadah drstuh svarupe avasthanam"
"Dort (wo die Denkbewegungen zur Ruhe gekommen sind) ruht der Sehende in seiner wahren Wesensidentität"
Alle Methoden des Yoga laden den Menschen zu dieser Selbsterkenntnis ein.
Da der Mensch hier immer als Organismus betrachtet wird, in dem alle Bereiche unmittelbar aufeinander wirken und sich gegenseitig bedingen, entwickelten sich im Laufe der langen Geschichte des Yoga unterschiedliche Wege und Methoden um dieses Ziel zu erreichen.
Die bekanntesten Yogawege darunter sind:
-der Astanga Yoga (Achtgliedrige Yogaweg Patanjalis)
-der Jnana Yoga (Weg des Wissens)
-der Karma Yoga (Weg der Handlung)
-der Bhakti Yoga (Weg der Hingabe)
-der Hatha Yoga (Weg, der den Körper verstärkt in den Erkenntnisprozess miteinbezieht. Deshalb auch "kayasadhana" genannt. "Kaya" = der Leib / "sadhana" = der Übungsweg)
Diese Yogawege gleichen den Speichen eines Rades.
Alle haben verschiede Ausgangspunkte, verschiedene Schwerpunkte, ja sogar
verschiedene Zielgruppen - aber alle streben sie,wie die Speichen eines Rades demselben
Ziel zu: " citta vrtti nirodhah", dem Zustand geistiger Offenheit und Transparenz, in
dem höchste Ein-Sicht möglich wird.
Wenn wir nun abschließend einen Blick auf die Einbettung der Körperarbeit ins Gesamtkonzept des Yoga werfen, so können wir Folgendes sagen :
2. Explizit findet die Asanapraxis dabei im Astanga Yoga Patanjalis und in der Hatha
Yogatradition eine Erwähnung.
Bei Patanjali stellt die Asanapraxis als das dritte Glied des achtfachen Yogaweges dar
(wobei er mit ziemlicher Sicherheit nur die meditativen Sitzhaltungen gemeint hat).
In der Hatha Yogatradition findet sich die Asanapraxis in verschiedensten Texten wieder.Zum Beispiel im 7-fachen Ghatastha Yoga der Gheranda Samhita (GhS) als zweites Glied und im Caturanga der Hatha Yoga Pradipika (HYP) als erstes Glied.
3. Die Asanapraxis dient wie alle anderen Methoden dazu, die Integration der
Persönlichkeit zu fördern und einen Zustand innerer Ruhe und Klarheit - "citta vrtti
nirodhah" - zu erlangen, der höchste Erkenntnis möglich macht.
Geschichte / Etymologie / Selbstverständnis
Diesem Yogaweg verdanken wir die Hinwendung zum Körper, die Umbewertung des Körpers sowie die Entwicklung und Überlieferung einer breiten Palette an körperbezogenen Methoden.
Der Hatha Yogaweg ist der jüngste Spross am Baum der Yogatraditionen. Seine historischen Wurzeln werden in zum Teil stark voneinander abweichenden Datierungsversuchen zwischen dem achten und zwölften Jh. n. Chr. angesiedelt und zumeist in Zusammenhang mit dem Weisen Goraknath gebracht.
Goraknath gilt als Autor der berühmten Hatha Yogaschrift "Goraksa Sataka" und eines leider verloren gegangenen Basiswerkes mit dem Titel "Hatha Yoga". Er ist damit vielleicht nicht unbedingt der Begründer des Hatha Yoga, aber der erste, der diese Tradition nachweislich systematisierte und möglicherweise auch ihr Namensgeber.
Wörtlich aus dem Sanskrit übersetzt heißt "hatha" Gewalt, Zwang, Notwendigkeit.
Diese wortwörtliche Übersetzung deutet auf einen anstrengenden, energetischen Yogaweg hin und unter Umständen auch auf die Verwurzelung und Ausbreitung des Hatha Yoga vor allem in den Kshatriyakreisen, also in der Kriegerkaste.
Es gibt darüber hinaus noch eine Art mythische Etymologie des Wortes "hatha".
Diese taucht zum ersten Mal in einem Kommentar zur Goraksa Sataka auf, der Goraksa Paddhati. Sie ist etwas feinsinniger, aber eher eine Interpretation.
Darin wird die Silbe "ha" symbolisch als solare Kraft , die Silbe "tha" symbolisch als lunare Kraft verstanden.
Diese Deutung verweist auf das Konzept der Polarität des Daseins und auf die im Hatha Yoga angestrebte Harmonisierung und Überwindung dieser Polarität, um sich im Zustand der Einheit zu erfahren.
Dass es dem Hatha Yoga wie den anderen Yogawegen letztendlich um diese Erfahrung der Einheit, sprich Selbsterkenntnis geht, wurde aufgrund seiner starken methodischen Ausrichtung auf physische Aspekte oft verkannt.
Gerade die Körperbetontheit des Hatha Yoga führte zu vielen Missverständnissen und sogar zu einer gewissen Vernachlässigung und Herabwürdigung dieser Yogatradition von Seiten seriöser Forscher.
So wurde beispielsweise die Gheranda Samhita erstmals 1921 von Richard Schmidt unter dem Titel " Fakire und Fakirtum" ins Deutsche übersetzt. Der berühmte Indologe und Yoga Forscher J.W. Hauer äußerte sich folgendermaßen zum Hatha Yoga:
"In (...) Beziehung auf den eigentlichen Yoga-Weg zeigt der Hatha Yoga doch eine starke psychotechnische Veräusserung und ist ein typisches Produkt der Verfallszeit des indischen Geistes, das (....) weit abliegt von jenem rückhaltlosen und ehrlichen Drang nach völliger Durchklärung, Befreiung der Seele und nach Erfahrung der letzten Wirklichkeit."
(J.W. Hauer "Der Yoga", Verlag Bruno Martin,3.Auflage 1983)
Eine solche Sichtweise ist nach heutigen Erkenntnissen trotz der zum Teil auch alchimistischen und magischen Komponenten des Hatha Yoga nicht gerechtfertigt, denn das höchste Ziel der Erkenntnis wird auch hier nie aus den Augen verloren.
Sehr schön nachzulesen ist das in der HYP, wo es gleich zu Beginn des Werkes in den Versen 1,1 - 1,3 heißt, dass Hatha Yoga ausschließlich der Vorbereitung für Raja Yoga dient.
("Raja Yoga" ist hier ein Synonym für Samadhi und nicht für Patanjalis achtgliedrigen Yogaweg, der von Vivekananda ebenso betitelt wurde und seither manchmal ebenfalls als "Raja Yoga" bezeichnet wird).
Auch in der Gheranda Samhita wird dem Schüler Chandakapali von seinem Lehrer Gheranda bevor dieser ihn mit den Methoden des Hatha Yoga vertraut macht, in den Versen 1,4/5 folgendermaßen belehrt:
"Es gibt keine größere Fessel als die Täuschung, es gibt keine größere Kraft als Yoga, es gibt keinen größeren Feind als die Ich-Verhaftetheit und keinen größeren Freund als das Wissen. Wie eine Person zuerst das Alphabet lernt und dann die Sastras
(Lehrbücher), genauso gewinnt man, indem man die Yogatechniken meistert, Kenntnis von der höchsten Wirklichkeit."
Wir können also zusammenfassend sagen, dass trotz etwaiger Missverständnisse der Hatha Yogaweg die Ausrichtung aller anderen Yogatraditionen teilt und wie diese zu höchster Erkenntnis und Selbstverwirklichung einlädt.
Das Besondere und Charakteristische der Hatha Yogatradition ist es, dass der Körper (und zwar im weitesten Sinne, in seinen grob- und feinstofflichen Aspekten) in den Erkenntnis-prozess miteinbezogen wird. Dieser erlangt hier eine in der spirituellen Geschichte Indiens einmalige Wertschätzung und Bedeutung, was als historisches "novum" zu betrachten ist.
Bis dato wurde der Leib nämlich eher als Hindernis auf dem Erkenntnisweg betrachtet, als "wertlose, unreine Hülle", die den wahren Wesenskern verstellt. Noch in der Maitri Upanisad wird der Körper als übelriechendes Gemisch aus Knochen, Stuhl, Schleim, Blut, Urin ... bezeichnet.
Unzählige Generationen von Suchenden haben in diesem Zusammenhang versucht, durch Vernachlässigung des Körpers oder sogar mittels Kasteiung und Askese der Einheitserfahr-ung einen Schritt näher zu kommen. Und das betrifft bei weitem nicht nur Fakire und Markt-platzakrobaten, sondern durchaus seriöse Suchende wie bspw. Buddha oder Goraknath selbst.
Die Leitidee bezüglich der Vernachlässigung bzw. der Kasteiung des Körpers und der körper-lichen Bedürfnisse war und ist bis heute die, dass man glaubte und glaubt, dies sei eine Mög-lichkeit, um die (fälschliche) Identifizierung mit dem Körper zu überwinden, um so die Ich-Verhaftetheit aufzulösen und einen Durchbruch zu überpersönlichen Erfahrungen zu machen.
Das heißt, es handelt sich bei diesem asketischen Ansatz um einen methodischen Versuch die klesas (vgl. Patanjali 2,2 - 2,9) : "avidya (die Unwissenheit) - asmita (die Ich - Verhaftetheit) - raga (die Anhaftung) - dvesa (die Abneigung) - abhinivesa (die Furcht vor dem Tode) quasi von hinten her aufzulösen, indem man sich bewusst gegen die letzten drei Glieder dieser Kette stemmt.
Inwieweit diese Methoden tatsächlich zu " klesatanukarana" (dem Vermindern der klesas) und damit zu samadhi führen, sei an dieser Stelle dahingestellt.
Jedenfalls vollzog sich aufgrund tantrischer Einflüsse im Hatha Yoga nun eine Umbewertung des Körpers. Der Körper wird jetzt nicht mehr als bloße unreine, leidverursachende Hülle betrachtet, sondern als ein Aspekt des Göttlichen. Das göttliche Eine, das sich laut tantrischer Philosophie genussvoll in die Zeit und Form hineinbegibt, um sich dort innerhalb der Erscheinungswelt selbst zu genießen und in einer Art göttlichen Spiel (lila) sich selbst zu überfluten, ist nunmehr in seinen zwei Apekten im Menschen selbst anwesend.
In seinem statischen Aspekt als reines Bewusstsein / Siva und in seinem dynamischen ,
weiblichen Aspekt als Sakti / Kundalini .
Empathisch wird der menschliche Leib deshalb in manchen Hatha Yogaschriften als Mikrokosmos verehrt, in dem sich die Ordnung und der Rhythmus der Welt und des Kosmos spiegeln und erfahrbar werden
Das zeigt sich unter anderem in der Ihnen bekannten "Pancha -Dharana - Meditation", in welcher die Chakren als Ausdruck der ganzen Fülle manifest gewordener Differenziertheit und als Konzentrationsobjekte herangezogen werden. Oder in den sehr poetischen Strophen der Siva Samhita 2,1-2,5:
2,1: "In this body, the mount meru (that means the vertebral column) is surrounded by seven islands; there are rivers, seas, mountains, fields and lords of the fields, too."
2,2: "There are in it the seers and sages; all the stars and planets as well. There are sacred pilgrimages, shrines; and presiding deities of the shrines."
2,3: "The sun and moon, agents of creation and destruction, also move in it. Ether, air, fire, water and earth are also there. "
2,4: "All the beings that exist in the three worlds are also to be found in the body.
Surrounding the Meru they are engaged in their respective functions."
2,5: "(But ordinary men do not know it) . He who knows all this is a yogi; there is no doubt about it".
Eliade spricht vor diesem Hintergrund der Umbewertung des Körpers (und der Erscheinungswelt) vom sakramentalen Charakter des menschlichen Leibes und von einer
"geheiligten Physis".
Mit dieser neuen Einstellung macht es keinen Sinn mehr, den Körper zu vernachlässigen oder zu demütigen; vielmehr geht es darum, gerade ihn mit Bewusstheit zu durchdringen um der ihm innewohnenden, immanenten göttlichen Essenz und damit auch der transzendenten göttlichen Essenz des Universums gewahr zu werden.
Damit dies möglich wird, muss der Körper laut Hatha Yoga in seinen fein- und grobstofflichen Bereichen gereinigt und gekräftigt werden. Man spricht in diesem Zusammenhang auch von " kayasadhana" dem Übungsweg des Körpers oder von " ghatasuddhi", vom " Härten der psycho-physischen Einheit (die in der Gheranda Samhita 1,8 mit einem irdenen, ungebrannten Gefäß verglichen wird) im Feuer des Yoga".
Der Körper wird im Hatha Yoga als vollendetes Werkzeug für die angestrebte Selbstver- wirklichung betrachtet. Infolgedessen entwickelte sich hier eine Fülle an körperbezogenen Methoden die sich den Kategorien der Kriyas, Mudras, Bandhas oder im weitesten Sinne auch Pranayamas zuordnen lassen.
Die wahre Bedeutung dieser körperbezogenen Methoden, nämlich die, eine optimale körperliche, emotionale und geistige Voraussetzung für innere Ruhe und Klarheit zu schaffen, in der Erkenntnis möglich wird, wurde dabei nie aus den Augen verloren.
3. Die Dimension der Körperarbeit im Yoga unter besonderer Berücksichtigung der Asanapraxis im Hinblick auf ihre
physiologische, psychologische und spirituelle Wirkungsebene.
Etymologie und Selbstverständnis
Der Begriff "Asana" geht auf das Sanskritverb "as" = "sitzen" zurück. Unter "Asana" als Substantiv neutrum versteht man das Sitzen selbst im Kontext des Yoga, also die aufrechte, meditative Sitzhaltung .
Diese ist es auch, die Patanjali im Blick hatte, als er in den Sutren 2,46 - 2,48 die Quintessenz der Asanas formulierte. Hier heißt es:
2,46: "sthira sukham asanam"
Die Sitzhaltung soll fest und bequem sein.
2,47: "prayatnasaithilyanantasamapattibhyam"
Das Asana wird durch Loslassen von Spannung und durch Konzentration auf das
Unendliche gemeistert.
2,48: "tato dvandvanabhigatah"
Durch diese (Meisterung der Asanas) wird man frei von den Angriffen der
Gegensatzpaare.
Obwohl diese Sutren in den Hatha Yogatexten so nicht stehen, ist es Usus, auch die Hatha Yoga Asanas unter diesem Vorzeichen des Astanga Yoga Patanjalis auszuüben.
Das Grundprinzip bleibt das statische, entspannte und auf die Weite ausgerichtete Verweilen in den verschiedensten klassischen Haltungen, die sich in der Hatha Yogatradition entwickelt haben. Die Rede ist dabei von so vielen, wie es Wesen gibt - symbolisch mit der Zahl 840 000
belegt. Davon werden in der Siva Samhita immerhin 84 erwähnt, in der Gheranda Samhita 32 und in der Hatha Yoga Pradipika 15 detailliert beschrieben.
Angestrebt wird über die Asanapraxis laut Originaltexten ein Zustand der
Gesundheit (arogyam)
Stetigkeit (sthairyam)
Kräftigung (drdhata)
Leichtigkeit (angalaghavam)
Wir wollen im Folgenden einen Blick darauf werfen, inwieweit eine regelmäßige Asanapraxis diese Erwartungen erfüllen kann.
Gerade hierzu gibt es inzwischen etliche seriöse wissenschaftliche Studien, die durchweg eine gesundheitserhaltende, gesundheitsfördernde und zum Teil auch therapeutische Wirkung der Yogapraxis im Allgemeinen und der Asanapraxis im Besonderen belegen.
Bezüglich der therapeutischen Anwendung muss an dieser Stelle erwähnt werden, dass Therapie in der BRD per Gesetz ausschließlich von Menschen, die in anerkannten Heilberufen tätig sind, ausgeübt werden darf. Der Beruf des Yogalehrenden zählt nicht dazu.
Darüber hinaus impliziert Therapie notwendigerweise eine fachgerechte Diagnose, ansonsten bewegen Sie sich auf dem Terrain der Pseudo-Therapie im wortwörtlichen Sinne ("Pseudo" von " pseudos", griechisch die Lüge, der Betrug).
Yoga liefert uns in diesem Zusammenhang als Geisteswissenschft zwar eine Diagnose, aber eine Diagnose des menschlichen Bewusstseins, und nicht eine Diagnose, die uns ohne andere medizinische oder psychologische Kenntnisse zur zielgerichteten Heilung solcher Störungen befähigen könnte. Dass die Yogapraxis nichtsdestotrotz hochtherapeutisch sein kann, geht aus vielerlei Studien hervor (vgl. "Yoga im Spiegel der Wissenschaft" von Dr. Ch. Fuchs).
Die Wirkungen der Asanapraxis werden von Dr. Dietrich Ebert in folgenden Punkten prägnant zusammengefasst:
Kurzfristige Wirkungen :
Leistungsphysiologische Wirkungen
Dies besagt, dass es sich bei der Ausführung von Asanas um leichte, körperliche Belastungen handelt. Der Grundumsatz wird nachweisbar mäßig gesteigert .
Muskelfunktionswirkungen
Bei der Ausübung von Asanas tritt ein motorischer Lerneffekt im Sinne einer Ökonomisierung der Muskeltätigkeit auf. Ungeübte brauchen mehr Kraft für dasselbe Asana als Geübte.
Sensomotorische Wirkungen
Bedingt durch die vollständige Betätigung des aktiven und passiven Gelenkapparats und extreme Gelenkpositionen kommt es zu einer sensomotorischen Regeloptimierung (vgl. aktographische Registrierung spontaner Kopfbewegungen von Hirai 1975).
Somatosensible Wirkungen
Dies betrifft die intensivere und genauere Wahrnehmung des eigenen Körpers, was zu einer Verfeinerung des Körperschemas führt.
Das subjektive Frischegefühl nach der Asanapraxis lässt dabei auf eine allgemeine Aktivierung des ZNS rückschließen ("arousal"), die sich aufgrund der starken afferenten Signalisation während dem statischen Verweilen in den Haltungen erklären
lässt.
Physikalische Wirkungen
Vorwiegend druckvermittelte Wirkungen, die sich in den Körperhöhlen des Thorax und des Abdomen ergeben. Infolge davon kann eine allgemeine / partielle Aufwärmung einhergehen, die Anregung des Kreislaufes und des Stoffwechsels, sowie reaktive Hyperämien (Mehrdurchblutung) nach Minderdurchblutung (z.B. nach Gefäßokklusionen).
Langfristige Wirkungen
- Antistress - Wirkung
Es stellt sich auf Dauer ein vegetativer Status ein, dessen vegatativer Ruhezustand sich mehr in Richtung einer trophotropen Reaktionslage verschiebt.
Muskelkrafttraining
Geringer wie beim Kraftsport, aber mit gesteigerter Ausdauerfähigkeit
- Erhöhte Beweglichkeit
Die wiederholte Dehnung der Gelenk- und Bandapparate führt zu einer gesteigerten Beweglichkeit. Bei Asanas mit starker Rumpfbeugen - oder Streckungen findet eine Umkehrung der ungleichen Belastungsverteilung statt.
Entlastende und ernährungsfördernde Wirkung
Hervorgerufen durch Belastungsumverteilung in den Gelenken, insbesondere der WS. Entlastung sonst stereotyp und einseitig belasteter Gelenkteile; durch Druckumverteilung erfolgt eine ernährungsfördernde Wirkung für die bradytrophen
(minderdurchbluteten) Gewebe (wie Knochen, Knorpel, Sehnen).
Konzentrationsschulende Wirkung
Vor allem durch die Verfeinerung der Körperwahrnehmung und die sensomotorische Regeloptimierung. Insbesonders durch Balance - Haltungen zu erzielen.
Wir sehen hier, dass die gesundheitsfördernden Wirkungen der welche auch vereinzelt in den Originaltexten genannt werden, sich auch durch konkrete wissenschaftliche
Fakten belegen lassen.
Trotzdem sollten wir im Auge behalten, dass physische Gesundheit traditionell eine Art "Nebeneffekt", eine " erfreuliche Begleiterscheinung" der Yogapraxis darstellt und niemals zum Selbstzweck proklamiert wurde (wie dies in den modernen Yogakursen oft geschieht).
Es ist meines Erachtens legitim, sich an diesen Nebeneffekten zu erfreuen, sie zu genießen -
jedoch gefährlich, die eigenen Bemühungen diesbezüglich zu überschätzen.
Wer sich von der Yogapraxis immerwährende Gesundheit erhofft, Faltenfreiheit und ewige Jugend, verfehlt nicht nur die eigentliche Tiefe und den Sinn des Yoga, sondern läuft auch Gefahr, sehr schnell frustriert zu sein.
Immer haben die Yogis und Yoginis gesehen, dass der Körper als Teil der Erscheinungswelt (prakrti) nicht nur vielen Einflüssen unterworfen ist, sondern auch dem Strom des Lebens selbst und damit der Zeit und der Vergänglichkeit anheimgegeben ist.
Yoga ist nicht nur im Hinblick auf unser körperliches Wohlergehen interessant, sondern auch im Hinblick auf unser psychisches Wohlbefinden.
Auch hier gibt es inzwischen etliche seriöse Studien, welche die psychologische und soziale Tragweite der Yogapraxis untersuchen.
Ihre Ergebnisse berichten von
- einem allgemein positiveren Lebensgefühl
- von subjektiven Gefühlen des Getragen- und Geborgenseins
- von einer Verbesserung des Selbstwertgefühls
- von der Reduzierung von Angst und Neurotizismus
- von der Verbesserung der Intelligenz - und Sozialentwicklung (bei Kindern)
Dr. Dietrich Ebert äußert sich in " Physiologische Aspekte des Yoga" (S. 136) folgendermaßen:
"Aus physiologischer Sicht werden mittels Yoga Funktionen geübt, die wegführen von der hektischen, unkonzentrierten und an viele äußere Zwänge gebundenen Persönlichkeit (...).
Die Yogapraxis kann aus Sicht der Physiologie also für die Anwendung in der Physio bzw. Psychotherapie bzw. als Verfahren der Physio- und Psychohygiene empfohlen werden."
Wir können davon ausgehen, dass die Asanapraxis ganz entscheidend zu diesen Ergebnissen beiträgt. Was dürfen wir also in psychologischer Hinsicht von einer regelmäßigen Asanapraxis erwarten? Folgende Punkte scheinen mir bemerkenswert:
1.Eine positive, körperfreundliche innere Haltung
Etwas, wovon meiner Erachtens gerade wir Westler sehr profitieren können, da wir in gewisser Weise hin und herpendeln, zwischen unserer alten körperfeindlichen, christlich geprägten Vergangenheit und dem modernen Körperfetischismus.
Dort wurde der Körper über Jahrhunderte als Esel und Sündenpfuhl verdammt, ja sogar das Baden per päpstlichem Erlass über mehr als zwei Jahrhunderte verboten; hier blüht das Geschäft mit dem Run auf ewige Jugend und eine zweifelhafte Schönheit, die zur Not auch mit Nervengiften herbeigezwungen werden ("Botulin-Partys").
Die Hatha Yoga Tradition lädt uns im Gegensatz dazu ein, unserem Körper mit derselben - aber nicht übertriebenen - Achtsamkeit und Empathie zu begegnen, wie unseren Gefühlen und
Gedanken. Die Asanapraxis ist damit zwischen den Polen der Körperfeindlichkeit und des Körperfetischismus angesiedelt.
Wenn es uns gelingt, diesen Weg der Mitte einzuschlagen, so ist dies nicht nur ein großer Schritt zu mehr Selbstsicherheit und Zufriedenheit, sondern auch ein großer Schritt hin zu einer Aussöhnung mit sich selbst und den Gesetzen des Lebens.
2.Eine zunehmende Einsichts- und Erlebnisfähigkeit bezüglich der Zusammenhänge
von Körper-Atem-Geist
Mittels der Asanapraxis und anderer Methoden des Yoga wird es möglich, den ganzen Körper mit Bewusstheit zu durchdringen, was zu einer zunehmenden Einsichts-und Erlebnisfähigkeit in die Zusammenhänge Körper-Atem-Geist führt.
Wir erkennen und erleben , dass der Mensch ein Organismus ist, in dem alle Bereiche aufeinander bezogen sind und aufeinander wirken. Das heißt, dass mit dem körperlichen Ausdruck auch immer ein psychischer Eindruck einhergeht und v.v.
Indem wir Asanas praktizieren, fördern wir nicht nur die Ruhe des Geistes und bereiten den Körper optimal auf die Meditation vor, sondern wir assimilieren gleichsam auch die Qualitäten der jeweiligen Haltungen, was unmittelbar auf Psyche und Geist zurückwirkt.
Als Beispiel mag hier " Parvatasana", der Berg dienen, der uns auch mit der Stabilität und der Ruhe des Berges vertraut machen kann oder "bhujangasana", die Kobra, deren Ausführung in uns einen Geschmack von Intimität zur Erde hinterlassen kann.
3. Gewahrwerden von Bewegungs- und Handlungsmustern
Da wir achtsam und langsam in die Asanas hineingehen, dort verweilen und sie ebenso achtsam wieder auflösen, eröffnet sich ein Raum in dem wir uns unserer Reaktions- und Handlungsmuster bewusst werden können.
Begünstigt durch das wertfreie Betrachten, welches der Yogapraxis stets zu Grunde liegt, können wir, wenn wir hinschauen und hinfühlen etwas über die tieferen Schichten unserer Persönlichkeit erfahren, über die Art, wie wir mit uns und dem Leben umgehen.
So kann ich beispielsweise in den kraftintensiven Haltungen wie in Virabhadrasana, Caturangadandasana und ähnlichen etwas über meine Bereitschaft und Kapazität zur Anstrengung erfahren. Wie gehe ich mit anstrengenden Situationen um?
Beiße ich mich durch, resigniere ich, lasse ich mich antreibe? ... Mit welchen Signalen reagiert der Körper auf diese Herausforderung, kann er den Anforderungen von außen standhalten? Hat er die nötigen Reserven oder reagiert er auf meine Willensanstrengung mit asynchronen Merkmalen, die mir zeigen, dass die geforderte Aktivität letztendlich nicht von innen her getragen wurde (z.B. Überhitzen des Körpers oder kalte Hände und Füße, zittrig oder schwer werden...) ?
Der geschützte Rahmen der Asanapraxis kann nicht nur zur Achtsamkeitsschulung und Sensibilisierung für den eigenen Körper beitragen, sondern auch zu dem, was Armin Gottmann Pflege und Erwerb psychologischer Grundhaltungen nennt.
Alle Qualitäten, die für die Yogapraxis als entscheidend erachtet werden (wiez.B. ahimsa, satya ...namentlich die Yamas und Niyamas), können hier auf grobstofflicher und damit überprüfbarer- Ebene eingeübt werden.
Nehmen wir Pascimottanasana als Beispiel. Diese Vorbeuge stellt für die meisten KursteilnehmerInnen eine echte Herausforderung dar!
Auch wenn wir als Lehrende betont dazu motivieren, die eigene Grenze zu beachten, werden die meisten Übenden unter dem gewohnten Leistungsdruck ihre eigene Grenze weit überschreiten.
Dies zeigt sich dann im Abheben der Knie, schmerzhaften Rundwerden des Rückens, Stocken des Atems usw. Unter guter Anleitung werden die KursteilnehmerInnen mit konkreten Hinweisen oder Korrekturen auf ihre eigentliche Grenze aufmerksam gemacht. In einem zweiten Schritt geht es um das Akzeptieren dieser momentanen Grenzen (satya/Ehrlichkeit), dem Sich-Annehmen und in einem weiteren Schritt könnte die Haltung sogar dazu dienen, neben tapas, der Bemühung, Qualitäten wie samtosa / Zufriedenheit oder mairti / Freundlich-keit einzuüben.
So kann eine an den Yamas und Niyamas orientierte Asanapraxis zur Bildung eines charakterfesten, stabilen Ichs beitragen das in eine lebendige Beziehung zur Welt treten kann und in innerer Ruhe und Selbstverantwortung gefahrlos erweitert, bereichert und in seinen Grenzen relativiert werden kann .
Mit dieser Weitung in eine kosmische Bezogenheit, dem eigentlichen Anliegen des Yoga kommen wir nun zum letzten Punkt:
"Wie könnten die Yogis, die ihren Körper nicht kennen (...), die Vollkommenheit erlangen ?"
(Goraksa Sataka 14)
In den Hatha Yoga Originaltexten wird die spitituelle Ebene nie aus den Augen verloren.
So heißt es in der Hatha Yoga Pradipika, wie eingangs bereits erwähnt, dass Hatha Yoga zu Raja Yoga, d.h. samadhi führt . Auch die Gheranda Samhita betont, dass alle Methoden des Hatha Yoga der Erkenntnis und Selbstverwirklichung dienen.
Die Asanapraxis lässt sich in diesem Zusammenhang ebenfalls klar diesem Erkenntnisziel zuordnen. Das zeigt sich an immer wiederkehrenden Reimen in den Kapiteln über die die den wahren Sinn und die letzte Orientierung dieser Haltungen illustrieren.
Die Rede ist dann von
- der Überwindung des Todes und dem Erlangen der Unsterblichkeit; von "mrtyum jayate". Wobei nicht die leibliche Unsterblichkeit gemeint ist, sondern Ein-Sicht in etwas, was jenseits von Raum und Zeit und damit jenseits des Todes angesiedelt ist.
- dem Aufstieg der Kundalini
Diese steht sinnbildlich für die göttliche Kraft im Menschen, die das ganze Uni- versum, bis hin zum kleinsten Atom durchdringt. Im Menschen wird sie von einer
"Schlange", schlafend und zusammengerollt am unteren Ende der Wirbelsäule (kanda) repräsentiert. Wird diese (Kundalini) durch die Yogapraxis geweckt, so steigt sie über die vertikale Achse auf und strebt dem Scheitelpunkt als Sitz reinen Bewusstseins zu. Dabei zieht sie die durchlaufenen Kräfte in sich zurück und führt zu einem veränderten Bewusstseinszustand, der avidya, die Unwissenheit mehr und mehr von sich abstreift.
- Metaphern, die auch der Asanapraxis eine spirituelle Komponente beimessen
Vgl. bspw: HYP 1,34. Hier wird Siddhasana mit " moksa-kapata-bheda-janakam", dem, was das Tor zur Erleuchtung öffnet, bezeichnet.
Insbesonders der meditativen Sitzhaltung, die in gewisser Weise ja durch eine umfassende und vielschichtige Asanapraxis vorbereitet wurde, kommt jetzt eine große Bedeutung zu.
Sie ist das körperliche Pendant zu der Stille und relativen Unbewegtheit, die im Yoga auf allen Ebenen angestrebt wird. Als "gativiccheda" auf der Ebene des Atems (Patanjali 2,49) und als "citta vrtti nirodhah" auf der Ebene des Geistes (Patanjali 1, 2). Eliade spricht dabei von einer Ekagrata, einer Einspitzigkeit auf körperlicher Ebene. Er sagt:
"Das asana ist eine ekagrata (d.i. Einpünktigkeit) auf "körperlicher" Ebene, eine Konzentration auf einen einzigen Punkt; der Körper ist "gespannt", in einer einzigen Stellung "konzentriert". Wie die ekagrata dem Fluktuieren und der Zersteuung der Bewusstseinszustände ein Ende macht, so das asana der Beweglichkeit und Verfügbarkeit des Körpers, indem es die unendliche Zahl möglicher Stellungen zu einer archetypalen, ikonographischen Positur reduziert."
Mit dieser Einspitzigkeit trägt das Asana par excellence, die meditative Sitzhaltung maßgeblich zu innerer Ruhe und Sammlung des Geistes und damit auch zur
Bewusstseinserweiterung- und intensivierung bei.
Wenn wir abschließend auf die berühmte Metapher des aufgewühlten Sees zurückgreifen, dessen Wogen und Wellen sich mittels verschiedener Methoden des Yoga glätten, sodass ein Blick in die klare Tiefe möglich wird, so können wir sagen, dass die Asanapraxis im Allge-meinen und das Asana als meditative Sitzhaltung im Besondern eine wichtige Voraussetzung für eine solche Ein-Sicht schafft.
Mit ihrer Hilfe wird es möglich, aus einem Gefühl innerer Ruhe und Klarheit heraus auf den Grund des Sees zu schauen, um zu erkennen, wer wir wirklich sind, immer schon gewesen sind und immer sein werden.